Fürs Leben markiert

DIE ZEIT 17/2005

Chips im Körper dienen schon heute als Zugangskontrolle – und als Mitgliedsausweis von Nachtclubs

Von Tobias Kaiser

Die Zukunft funkt aus dem Oberarm. Rund eintausend Menschen weltweit tragen bereits einen RFID-Chip in ihrem Körper. Noch sind es vor allem Testpersonen, aber die Produzenten wollen schnell so viele Chips wie möglich implantieren. Zunächst alten Menschen, chronisch Kranken und Soldaten.

Die Firma Applied Digital Solutions (ADS) aus Palm Beach verkauft seit 15 Jahren RFID-Implantate für Haustiere, mit deren Hilfe entlaufene Katzen und Hunde identifiziert werden können. Rund einer Million Tiere wurden solche Chips bereits eingesetzt; in Berlin und Hamburg sollen sie Pflicht werden. Inzwischen hat ADS einen Chip für Menschen entwickelt und sucht seit drei Jahren nach lukrativen Anwendungen für die Erfindung.

Im Moment vermarktet das Unternehmen den so genannten Verichip vor allem als implantierten Notfallausweis. Ärzte können mit einem Lesegerät die Identifikationsnummer des Chips auslesen und damit dann in einer Datenbank die Krankengeschichte des Implantatträgers abfragen. Der Chip, so ADS, würde das Leben von bewusstlosen Unfallopfern retten, die beispielsweise auf bestimmte Medikamente allergisch reagieren. Er erleichtert aber auch die Behandlung von Alzheimer-Patienten und Personen, die selbst nicht in der Lage sind, zuverlässig Auskunft zu geben.

Wer das Implantat nicht mehr will, muss es herausoperieren lassen

Im Mai 2002 hat ADS unter großem Medienrummel einer dreiköpfigen Familie aus Florida Verichips eingepflanzt. Der krebskranke Jeff Jacobs, 48, verspricht sich davon mehr Sicherheit für den Fall, nicht ansprechbar ins Krankenhaus kommt. »Man hört Horrorgeschichten über Leute, die ins Koma fallen, weil sie die falschen Medikamente bekommen«, erklärte seine Frau Leslie der lokalen Zeitung. Nach der Aktion bekam ADS Tausende von Anfragen; vor allem Teenager wollten neben Handy und MP3-Player auch einen »coolen« implantierten Chip mit sich tragen.

Der reiskorngroße Funkchip steckt in einem versiegelten, elf Millimeter langen Glasröhrchen. Das ist mit einem porösen Kunststoff ummantelt, der sich mit dem Körpergewebe verbinden soll. Am besten wird der Chip in Höhe des Bizeps injiziert, weil er dort kaum stört. Wer das Implantat nicht mehr tragen will, muss es herausschneiden lassen.

Der Einsatz des Verichip als Notfallausweis läuft allerdings nur schleppend an, deshalb sucht ADS nach weiteren Aufgaben für sein Produkt. Firmenchef Richard Sullivan hat vorgeschlagen, Einwanderern den Chip zu implantieren, um sie zu überwachen. Und Master Card kann sich vorstellen, ihn als Kreditkarte unter der Haut zu vermarkten.

Zudem vermag der Verichip die Zugangskontrolle für Gebäude zu regeln. So baut ADS darauf, dass Unternehmen ihren Beschäftigten, die sich heute mit der Mitarbeiterkarte ausweisen, künftig den Chip injizieren lassen. Die Amerikaner werben für den Einsatz in Hochsicherheitsbereichen wie Atomkraftwerken und Chemielabors: »Die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeiter ihre Zugangskarte verlieren oder zu Hause vergessen, ist groß. Der Verichip eliminiert diese Risiken.« Der mexikanische Generalstaatsanwalt Rafael Macedo de la Concha hat die Chips bereits sich selbst und 168 Mitarbeitern einpflanzen lassen, um die Nutzung einer Kriminaldatenbank zu sichern.

Partygänger in Europa entdecken den Verichip derweil als Accessoire. Die Diskothekenkette Baja Beach Club bietet ihren VIP-Gästen an, sich ihn als persönliche Eintritts-, Ausweis- und Verzehrkarte direkt in den Clubs unter die Haut spritzen zu lassen. Inzwischen tragen 80holländische Nachtschwärmer und 65 Mitglieder der Halbprominenz von Barcelona den Chip, darunter ein Pornostar und die gesamte Familie eines Restaurantbesitzers. Den ersten Chip ließ sich Club-Miteigentümer Conrad Chase im März 2004 selbst implantieren. Angst vor Überwachung hat er vermutlich nicht. Im vergangenen Herbst ließ er sich wochenlang rund um die Uhr von den Zuschauern des Senders Telecinco beobachten – als Teilnehmer der Show Big Brother.

Der belgische Waffenhersteller FN Herstal sieht noch ganz andere Einsatzfelder. Er hat für das US-Justizministerium eine Waffe entwickelt, die RFID-Chips scannt und nur dann feuert, wenn der Benutzer den dazugehörigen Chip in seinem Arm trägt. Sollte er die Waffe verlieren, kann niemand anders damit schießen. Dass man dafür Polizisten und Soldaten einen Fremdkörper einpflanzen müsste, ist für Robert Sauvage, den Sprecher von FN Herstal, kein Problem: »Ob als Kettenanhänger um den Hals getragen oder implantiert: Der einzige Unterschied ist, dass Sie den Chip ein Leben lang bei sich haben werden.«

Derart spektakuläre Anwendungen stoßen selbst in den USA auf Skepsis. Der US-Auftraggeber finanziert die belgische RFID-Forschung vorerst nicht weiter. Für Sauvage lediglich ein kurzer Aufschub: »Das ist die Zukunft. Davon muss man die Politiker nur überzeugen.«

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